Archiv für Mai 2015

Veranstaltung am 1. Juni

Am 1. Juni findet um 19:30 im Laidak (Boddinstraße 42, 12053 Berlin) eine weitere Veranstaltung statt, die den deutschen Umgang mit der Vergangenheit zum Thema hat.

Sonja Witte wirft in ihrem Vortrag mit dem Titel „Nationales Vergangenheitsrecycling – Die postnazistische Allianz der Generationen im deutschen Kollektiv“ einen Blick zurück auf die Nullerjahre, in denen eine bestimmte Figur im Zentrum kulturindustrieller ‚Vergangenheitsbewältigung‘ stand und zum Kassenschlager wurde: Die Versöhnung der Generationen im deutschen Kollektiv. Der Vortrag nimmt einen Ausgangspunkt des von der Gruppe kittkritik im Jahr 2007 herausgegebenen Sammelbands „Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ auf: An Filmen wie Dresden – das Inferno (2006), Napola – Elite für den Führer (2004), Der Untergang (2004) oder Das Wunder von Bern (2003) zeigt sich, dass als ein wesentliches ‚Grundmuster‘ der Erzählungen stets eine Dreigenerationenperspektive fungierte.

Die scheinbar ‚authentischen‘ Darstellungen des Nationalsozialismus und seiner ‚Überwindung‘ im postnazistischen Deutschland spielen mit aktuellen Wünschen nach einer guten deutschen Nation, in der TäterInnen-, Kinder- und EnkelInnengeneration gemeinsam Familienfrieden schließen. Diese kulturindustriellen Produktionen aus den Nullerjahren hatten einen ‚heimlichen Protagonisten‘: Die hier imaginierte dritte TäterInnengeneration war Schlüsselfigur der karthischen „schwarz-rot-geilen“ Versöhnung. Anhand einiger Filmbeispiele wird skizziert, inwiefern sich in dieser Form zwei bekannte Motive der deutschen ‚Vergangenheitsbewältigung‘ präsentierten: Die fortwährende Stilisierung der Deutschen als Opfer und die Integration von Auschwitz in die kulturindustrielle deutsche Erinnerungsarbeit als gesellschaftlichem ,Kitt‘.

Sonja Witte ist Mitherausgeberin des Sammelbandes „Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Nation“ [www.kittkritik.net], außerdem aktiv bei den „les madeleines“ [www.lesmadeleines.net], der Veranstaltungsgruppe „Aus Gründen gegen fast Alles“ [https://ausgruendengegenfastalles.wordpress.com/] und der Zeitschrift „Extrablatt – Aus Gründen gegen fast Alles“ [www.extrablatt-online.net].

Eintritt frei.

Deutsche, die sich als solche begriffen, wurden nicht befreit, sondern besiegt.

8. Mai, Tag der Befreiung vom Faschismus. Tatsächlich kapitulierte am besagten Tage das Dritte Reich vor der Anti-Hitler-Koalition. Im Falle deutscher Städte oder auch nur Stadtteile – oder gar „Deutschlands“ – jedoch von einer „Befreiung“ in dem Sinne zu sprechen, wie Paris, Warschau oder Prag tatsächlich befreit wurden, suggeriert, dass die deutsche Bevölkerung ebenso in einer Unterdrückungsdiktatur gelebt habe wie die in den genannten Städten. Befreit wurden aber nicht jene, die in den letzten Monaten des Krieges panisch, in Angst vor zumeist leider ausbleibender Bestrafung, nach weißen Fetzen kramten und die Uniformen in den Ofen steckten, als alliierte Panzer vor ihren Fenster auftauchten.

Deutsche, die sich als solche begriffen, konnten nicht befreit, sondern nur besiegt werden. Die nationalsozialistische Barbarei war Deutschland, auch wenn die Legende von einem „anderen Deutschland“, das bis Kriegsende, bis also die NS-Führer – dieser Logik folgend – wieder in ihr Raumschiff stiegen, quasi unsichtbar und unschuldig überlebte, bis heute zum geschichtspolitischen Repertoire der Bundesrepublik gehört. Traurig bleibt die Tatsache, dass selbst viele der ins Exil gezwungenen Antifaschistinnen und Antifaschisten den Bruch mit der deutschen Nation nicht vollziehen wollten. Nicht nur bei dem in vielen Städten und Dörfern stattfindenden unsäglichen Gedenken an die alliierten Bombardierungen und in den Inschriften der vom Erinnerungsweltmeister Deutschland in unüberschaubarer Zahl errichteten Denkmäler, sondern auch in der Rhetorik vieler an der DDR-Geschichtsschreibung orientierter Traditionslinker wird die deutsche Bevölkerung als ein leidendes Opfer des Nationalsozialismus – nicht dessen Träger – unter vielen behandelt.

Gegen den Jargon der deutschen Aufarbeitung der Vergangenheit, der den Nationalsozialismus als eine Diktatur unter vielen begreift und noch in Tätern Opfer sehen mag, wäre mit Jean Améry, der als einer unter Millionen den Unterschied zwischen Tätern und Opfern im Nationalsozialismus, zwischen der deutschen Volksgemeinschaft und der ex negativo aus ihr ausgeschlossenen „Gegenrasse“ am eigenen Leib erfahren musste, einzuwenden: Täter sind Täter und müssen Täter bleiben. Und Opfer sind Opfer. So einfach, so »banal« ist das. Wer in Deutschland hingegen tatsächlich Opfer war und befreit wurde bzw. befreit werden hätte können, das waren die zahllosen Zwangsarbeiter und KZ-Insassen, es waren die politischen Häftlinge in den Knästen, es waren alliierte Kriegsgefangene, es waren Verfolgte und Deserteure, die sich erfolgreich hatten verstecken können, kurz: Unter ihnen war ein verschwindend geringer Teil der deutschen Bevölkerung. Für viele von ihnen kam der 8. Mai 1945 freilich zu spät.

Berlin und andere deutsche Städte, deren Bewohner sich bis Kriegsende in überwältigender Mehrheit als Teil der zum antisemitischen Mordkollektiv verschweißten deutschen Volksgemeinschaft begriffen und sich in einer Zustimmungsdiktaktur eingerichtet hatten, wurden niemals in oben genanntem Sinne befreit. Sie haben kapituliert. Sie haben sich mit der Niederlage – zum Leidwesen der Hardliner, die den kompletten Untergang einer alliierten Besatzung vorziehen wollten – ebenso abgefunden und sich in den neuen Zuständen eingerichtet wie sie es ab 1933 in der „neuen Barbarei“ taten, 1945 vielleicht die sich dann bekanntlich bewahrheitende Ahnung im Hinterkopf, dass die weltpolitische Lage alliierte Überlegungen einer vollständigen Zerschlagung oder auch nur Entnazifizierung Deutschlands nicht begünstigte und dass der deutsche Staat langfristig davon profitierten würde. So profan es klingt: Das Dritte Reich, seine Gesellschaft und seine Institutionen wurden von den Alliierten gewaltsam niedergeworfen und zwangsdemokratisiert. In diesem Sinne ist es unser Anliegen, statt mit der Verwendung des Begriffs der „Befreiung“ bezüglich der Ereignisse des 8. Mai 1945 auf deutschem Staatsgebiet der verbreiteten Trennung in ein vom „NS-Regime unterdrücktes deutsches Volk“ und „dem deutschen Faschismus“ Folge zu leisten, den grundlegenden Unterschied zwischen der deutschen Volksgemeinschaft auf der einen und den Bevölkerungen in den besetzten Gebieten auf der anderen Seite hervorzuheben, der nicht zuletzt im Umgang mit dem 8. Mai sichtbar wird.