Flugblatt gegen Deutsche Friedensfreunde und ihren Montag

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Der Frieden, nach dem hier gerufen wird, ist ganz und gar nicht friedlich.
Er ist gefährlich.

„Hier hat man wortgewaltig den Krämergeist und die Kapitalisten beschimpft, und das Kapital gedieh prächtig dabei, aber danach waren alle Juden tot. Hier ist nichts ungefährlich, nicht mal die Begeisterung für den Frieden – schon gar nicht, wenn die Friedensbegeisterung eine deutschnationale Erweckungsbewegung katalysiert.“ (Wolfgang Pohrt, 1981)

Dass selbst Neonazis – von denen sich ja sogar gesellschaftlich „geächtete“ Rechtspopulisten distanzieren müssen – hier nach Frieden schreien, scheint niemanden zu stören, will man doch „alte Maßstäbe wie ‚rechts‘ und ‚links‘“ überwinden und sich als geeintes „Volk“ begreifen.
Ganz getreu dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ stehen all jene zusammen, von denen sich dann von der Bühne aus jeden Montag ausgiebig „distanziert“ wird.
Dass die Ideologie der beteiligten Personen auch nach der Aufnahme in die friedliebende Volksgemeinschaft bestehen bleibt, interessiert nicht. Hier zählt nur das Kollektiv.

Der Frieden, der hier herbeigesehnt wird, fragt nicht nach dem Wohlergehen anderer Menschen. Der Krieg, gegen den demonstriert wird, ist ein persönlicher. Auf das Wort „Krieg“ muss hier immer auch „USA“ folgen. Dass Nazideutschland nicht durch mit Olivenzweigen bewaffnete Tauben, sondern durch die Waffen der Alliierten besiegt wurde, wollen die deutschen Friedenstreiber nicht wahrhaben. Sie heucheln Besorgnis, sobald „der Westen“ in Konflikte involviert ist, denn erst dann ist ihr eigener Weltfrieden gestört.

Für diesen Frieden zu sein, bedeutet zu schweigen von Menschenrechten in Nordkorea oder Saudi-Arabien, bedeutet zu schweigen von einem iranischen Atomprogramm und einem Regime, das Homosexuelle an Baukränen aufhängt und bedeutet auch zu schweigen von einem Baschar al-Assad, der die syrische Bevölkerung abschlachtet, während Russland fleißig Waffen liefert.
Statt so etwas zu hinterfragen, konstruiert man eine eigene Realität und inszeniert sich fleißig als Opfer der „Mainstreammedien“, die man für Propaganda-Instrumente einer kleinen Elite hält, deren Willkür die Berichterstattung unterworfen sein soll.

Dem in den kapitalistischen Verhältnissen empfundenen Ohnmachtsgefühl will man durch die Ermittlung von Verantwortlichen Herr werden.
Es wird ein Sündenbock gesucht, um sich das eigene Leiden erklären zu können. Statt sich die Zusammenhänge und Komplexitäten des bestehenden Systems bewusst zu machen, macht man es sich eben einfach und imaginiert ein simples Unterdrückungsverhältnis zwischen „den Mächtigen da oben“ und dem „einfachen Volk“. Als Verantwortliche werden mal näher benannte, mal diffus bleibende Personen und Institutionen ausgemacht, denen unterstellt wird, durch wirtschaftliche oder politische Macht Einfluss auf die Welt zu nehmen, um sie nach ihrem Willen zu gestalten.
Besonders häufig genannt wird in diesem Zusammenhang das „Federal Reserve System“.Dieses auf geradezu lächerlich vereinfachende und verfälschende Weise als „Privatbank“ bezeichnete Zentralbank-System ist nach Meinung der Initiatoren dieser Veranstaltungen schuld an „den Kriegen der letzten 100 Jahre“.
Lässt man sich das durch den Kopf gehen, wird natürlich klar, dass sich hier das ewige deutsche Bedürfnis, sich endlich von Schuld und Sünde freisprechen zu können, in seiner ekelhaftesten Form präsentiert. Nicht Deutschland respektive die deutsche Volksgemeinschaft wäre demnach schuld an zwei Weltkriegen und dem Holocaust, sondern eine amerikanische Bank, deren Gründer eine Tradition von Elend und Zerstörung geschaffen hätten, die ihre Nachfolger zu pflegen wüssten und unter deren „Gier“ die Menschen noch heute zu leiden hätten.

Indem versucht wird, sich mit so strukturierten Schuldzuweisungen und Personifikationen des (Finanz-)Kapitals die Welt zu erklären, reproduziert man nicht nur die schon der nationalsozialistischen Ideologie zugrundeliegende Vorstellung eines Unterschieds zwischen „schaffendem“ guten, ehrlichen und „deutschen“ und „raffendem“, schlechten und betrügerischen „jüdischen“ Kapital, sondern bezieht sich auch – bewusst oder unbewusst – auf antisemitische und antiamerikanische Stereotype mit langer Tradition. Nicht umsonst imaginierten schon die „Protokolle der Weisen von Zion“, das relevanteste antisemitische Pamphlet des beginnenden 20. Jahrhunderts, die Existenz einer jüdischen Geheimgesellschaft, die zum eigenen Vorteil und zum Nachteil der restlichen Menschheit die Geschicke der Welt nach Belieben lenkt.
Nicht umsonst inszenierten sich die Nationalsozialisten als Opfer der USA und behaupteten, diese seien vom „zersetzenden Wesen des Finanzkapitals“ durchdrungen und nicht umsonst führte dieser durch und durch falsche Antikapitalismus zu entsetzlicher Verfolgung und Vernichtung, die schließlich in der Shoa kulminierte.

So offen wie die Nazis oder die Verfasser der „Protokolle“ ihren Antisemitismus zu artikulieren, mag den Verantwortlichen und Protagonisten der Friedensdemonstrationen nach innen und außen nicht vertretbar erscheinen. Ob Jebsen, Mährholz, Popp oder Elsässer nun aber tatsächlich von Juden, oder doch lieber stellvertretend von Zionisten, dem Staat Israel, Rothschild, Bankiers der Federal Reserve oder den Vereinigten Staaten sprechen, macht wenig Unterschied.
Zum einen offenbaren sie sowieso in entwaffnender Regelmäßigkeit die in ihren demagogischen Beiträgen und Reden zugrundeliegenden Ansichten (Jebsens Vorstellung zu wissen, „wer den Holocaust als PR erfunden hat“ und eine auf Mährholz‘ Facebookseite aufgetauchte, in alter Stürmer-Tradition gehaltene Hakennasen-Karikatur Jacob Rothschilds, die so noch nicht einmal die „Süddeutsche“ abdrucken würde, sind hierfür nur einzelne Beispiele), zum anderen haftet das im Abstrakten beheimatete „Gerücht über die Juden“, der ständigen Bezugnahme auf elitäre Cliquen, von deren Gutdünken der Rest der Welt abhängig ist, ihren Ausführungen und den Vorstellungen des weitesten Teils ihrer Hörerschaft ohnehin an.

Die stattfindende Ausmachung eines Sündenbocks, dessen zur Fratze verzogenes Abbild als Objekt des Volkszorns herangezogen wird, fügt sich nahtlos in jahrhundertelange antisemitische Tradition ein. Solange die ideologischen Vorbeter so geartete Welterklärungsversuche wieder und wieder von den Bühnen ihrer Veranstaltungen schreien, bleibt völlig nebensächlich, wie oft und vehement sie versuchen, sich von Antisemitismus zu distanzieren.
Unabhängig von der Problematik, die sich aus ihrer alle inhaltlichen Differenzen ignorierenden Zusammenwürfelung ergibt, ist eine Bewegung, die nicht darüber hinauskommt, sich wie auch immer gearteten Frieden für die Welt zu wünschen und deren Weg zur Erreichung desselben aus der Verbreitung derartig verschwörungstheoretischer Weltbilder besteht, sowieso zum Scheitern verurteilt. Einer Überwindung der Verhältnisse, die zur Schaffung einer besseren Lebensrealität notwendig ist, muss die Analyse ihrer Gesamtheit vorausgehen.
Ansätze, die sich in der Suche nach Schuldigen und der Wut auf von Demagogen vorgegebene Sündenböcke verlieren, haben keine anderen Aussichten, als bestenfalls in lachhafter theoretischer Hexenjagd, schlimmstenfalls im Pogrom zu enden.


2 Antworten auf „Flugblatt gegen Deutsche Friedensfreunde und ihren Montag“


  1. 1 kernelpanic 19. Mai 2014 um 22:06 Uhr

    Danke. Ich lese oft in letzter Zeit das man durch Teilnahme die Unterwanderung von Rechts verhindern soll. In dem Artikel wird sehr ausfuehrlich dargelegt warum das keine gute Idee ist. Naemlich gerade wegen der Vereinfachung der Schuld und dem nicht vorhandensein konkreter Ziele. Danke fuer diesen Artikel!

  2. 2 Ingo 21. Mai 2014 um 19:28 Uhr

    Ein ganz toller Artikel! Daumen hoch!

    Die eigentliche Ziellosigkeit und das Fehlen eines eigentlichen Dialogpartners dürften die Selbstdarsteller (Redner) auf den Montagsdemos nicht mehr lange Gehör verschaffen.
    Die „Anhänger“ und Zuhörer dort werden sich schon bald die Frage stellen, „Was mache ich hier eigentlich und wohin führt das hier?“

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